Zeitung lesen!

14.11.2019 - Heidrun Gehrke

Informationsfreiheit stirbt ohne Zeitung

Plüderhausen. Einen besseren Zeitpunkt hätte es kaum geben können: Mit einer ganz besonderen Ausgabe der Tageszeitung startete die ZVW-Zeitungspatenschaft für die Schüler der Hohbergschule Anfang der Woche. „Die beste Zeit für guten Journalismus ist jetzt“ lasen sie auf der ersten Seite dieser Zeitung, die von nun an ein Jahr lang zum Schulalltag gehört.

Von unserer Mitarbeiterin Heidrun Gehrke

Im Zeitalter von Hass-Postings und Hetze im Internet ist seriöser und faktenbasierter Journalismus unerlässlich.

Der Zeitungsverlag Waiblingen ist eine von über 50 Tageszeitungen in Baden-Württemberg, die an der Kampagne „Journalismus zeigt Gesicht“ teilnimmt. Über die darin thematisierte Qualität des Journalismus wird mit neun Schülern gesprochen, die bei der Auftaktveranstaltung der ZVW-Zeitungspatenschaft anwesend sind. „Wer nur Trump folgt, erfährt nur seine Meinung“, lenkt ZVW-Vertriebsleiter Joachim Schniepp die Aufmerksamkeit auf Fake News. Prompt meldet sich ein Schüler: Manuel sagt, er sei schon einmal einer Falschmeldung aufgesessen. „Ich habe gelesen, ein Youtuber sei erstochen worden, hinterher hat sich herausgestellt, dass es nicht stimmt.“

Meinungsmache contra verlässliche Fakten

In einer Zeit, in der Hass-Postings und Hetze im 280-Zeichen-Stil allgegenwärtig sind, ist der Unterschied zwischen Meinungsmache und verlässlichen Fakten essentiell. Schulsozialarbeiter Bernd Fetzer fällt auf: „Viele Jugendliche bleiben als erstes bei reißerisch aufgemachten Medien hängen, wenn sie etwas suchen.“ Um sich eine eigene Meinung zu bilden, sei eine solide Wissensbasis unverzichtbar. „Ohne seriöse Informationen seid ihr leicht beeinflussbar“, macht er den Schülern klar. 

Soziale Netzwerke und Suchmaschinen seien aus dem Leben nicht wegzudenken. „Aber es ist wichtig, immer mehrere Quellen und Hintergründe zu lesen“, so Fetzer. Dies ist auch digital möglich: Das E-Paper des Zeitungsverlags Waiblingen steht jedem Gerät offen: „Es ist nicht wichtig, wie ihr lest, sondern was ihr lest“, verdeutlicht Joachim Schniepp.

Ein Jahr lang erhält die Schule täglich zwei Ausgaben der Schorndorfer Nachrichten, plus freitags die Kinderzeitung. Möglich macht es die örtliche Versicherungsagentur von Thomas Reissig. Er erklärt den Schülern, warum er ihr ZVW-Zeitungspate wurde: „Es ist das Informationsmedium Nummer eins, weil ich mich aus seriösen Quellen informieren kann.“ Der überzeugte Zeitungsleser, Gemeinderat und stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender möchte einen Beitrag leisten, dass auch junge Menschen den Weg bei der Informationssuche einschlagen.

 „Ohne Zeitung stirbt die Informationsfreiheit und das führt dazu, dass ich nicht mehr weiß, wem ich vertrauen kann.“ In der Zeitung bekomme der Leser die Quelle mitgeteilt, die etwas kundtut und kann sich selbst ein Bild machen, anstatt Fremdmeinungen für bare Münze zu nehmen. Die Zeitung beschränke sich nicht auf ein Themengebiet, sondern beschäftige sich mit allem, was der Leser wissen muss, um mitreden zu können. Zeitungen berücksichtigen auch regionale Geschehnisse: „Was in der Schule los ist, ob euer Fußballverein im Ort gewonnen oder verloren hat, erfahrt ihr zuerst in der Lokalzeitung“, so der Zeitungspate.

Ein überraschendes Bild zeigt sich, als die Schüler gefragt werden, ob die Eltern Zeitung lesen. Bei sieben von neun Schülern liegt die Tageszeitung morgens auf dem Frühstückstisch – eine vergleichsweise hohe Zahl, wie der ZVW-Vertriebsleiter sagt. Warum nur einer sie regelmäßig lese, hakt Schulsozialarbeiter Bernd Fetzer bei den Schülern nach. „Abends bin ich zu müde zum Lesen, ich schaue lieber TV“ ist Manuel ganz ehrlich. Samuel sagt, ihm fehle morgens die Zeit dafür.

Zeit zum Zeitung lesen

Seit dieser Woche können die Schüler sich in den Pausen und in der Mittagszeit die Zeit nehmen, wenn es morgens pressiert. „Hier könnt ihr die Zeitung aufschlagen und auswählen, welches Thema euch interessiert“, sagt Rektor Jürgen Groitzsch. Er empfiehlt: „Schaut täglich rein, auch wenn es ‚nur’ die Sportnachrichten sind.“ Die Zeitungen liegen im Aufenthaltsraum und in den Räumen der Schulsozialarbeit aus. „Ist sie einmal da, wird sie auch in die Hand genommen - und zumindest einmal durchgeblättert“, sagt Konrektorin Heike Kotz. Simon und Manuel aus Klasse 9 bestätigen es. „Jeder schaut täglich mindestens einmal rein“, erinnern sie sich an die Resonanz auf ihr letztes Zeitungsprojekt. 

Schüler der Hohbergschule zusammen mit Konrektorin Heike Kotz und Rektor Jürgen Groitzsch (hinten links), dem Zeitungspaten Thomas Reissig (kniend) und ZVW-Marketingleiter Joachim Schniepp (rechts, stehend). Foto: Steinemann